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Kempen unterm Hakenkreuz

Hans Kaiser: Kempen unterm Hakenkreuz.
Eine niederrheinische Kreisstadt im Nationalsozialismus. Band 1
in: Schriftenreihe des Kreises Viersen, Band 49
Herstellung: B.o.s.s. Druck und Medien, Goch, 2013
667 S., 29, 90 Euro

 

Mit "Kempen unterm Hakenkreuz" legt der Kempener Historiker Dr. Hans Kaiser den Band 49 der Schriftenreihe des Kreises Viersen vor. Kaiser hat für das 667 Seiten schwere Werk acht Jahre recherchiert und geschrieben. Befragt wurden und zu Wort kommen 76 Zeitzeugen, die über die Zeit ab 1928 bis Kriegsende berichten. Hinzu kommen 150 Fotos von weitgehend noch nicht veröffentlichtem Material. Band 2 dieses Oeuvres erscheint im nächsten Jahr, dann als Band 49.2  der Schriftenreihe.

"Das Buch schließt eine Lücke in der Erforschung und Aufarbeitung der Kempener Zeitgeschichte während des Nationalsozialismus und basiert auf fundierten Erkenntnissen", sagt Dr. Gerhard Rehm, Kreisarchivar und Redakteur der Schriftenreihe. Die Schriftenreihe, die der Kreis seit 1958 herausgibt, hat sich kontinuierlich entwickelt.  "Dieses Buch passt gut in die anerkannte und solide Reihe. Es hat mit dem Fokus auf die frühere Kreisstadt Kempen einen engen Bezug zum Kreis Viersen und erfüllt hohe wissenschaftliche Ansprüche", sagt Kreisdirektor und Kulturdezernent Dr. Andreas Coenen.

Hans Kaiser hat unzählige Quellen ausgewertet. Der promovierte Historiker hat dabei nicht nur im Viersener Kreisarchiv Material gesichtet, sondern auch staatliche und überregionale Bestände durchforstet und für sein Werk nutzbar gemacht. Rehm: "Herausgekommen ist ein fundiertes Kompendium, das aber auch spannend  zu lesen ist." Nicht nur lesenswert, sondern auch gut lesbar ist "Kempen unterm Hakenkreuz" aus dem einfachen Grund, dass Kaiser sowohl die wissenschaftlich-pädagogische Komponente beherrscht als auch über eine flotte Feder verfügt, die ihn als langjährigen Zeitungsreporter und Aufsatzschreiber stets ausgezeichnet hat.

Kaiser ist wichtig, dass er als Autor und Chronist einer brisanten Ära, der Ross und Reiter nennt, nicht mit moralischem  Zeigefinger daherkommt. "Ich weiß nicht, wie ich mich selbst in der Hitler-Zeit verhalten hätte." Das Schicksal der Stadt Kempen und der Kempener Menschen im "Dritten Reich" wird eingebettet in den historischen Kontext jener Zeit. "All das, was das ,Dritte Reich' ausgemacht hat, treffen wir  auch in Kempen an." Das geht von der "Machtergreifung" und der "Nationalsozialistischen Volksgemeinschaft" über Kinderlandverschickung bis hin zum Boykott der jüdischen Geschäfte. Bemerkenswert: Eine Typologie der Nationalsozialisten in Kempen.

Kaiser geht es darum, zu differenzieren und darzustellen, nicht zu richten und zu (ver-)urteilen. Im Zuge der Recherche ist Kaiser zu dem Schluss gekommen, dass "Kempen kein braunes Nest, aber auch keine Insel im braunen Sumpf" gewesen ist. Der Historiker geht so weit zu sagen, dass das "erzkatholische Milieu" dieser niederrheinischen Kleinstadt und eine Portion rheinischer Liberalismus dafür gesorgt haben, dass der Nationalsozialismus sich dort "moderater" ausgebildet hat als anderswo.

Im Kaiser-Werk werden Persönlichkeiten wie der Lehrer und Heimatdichter Wilhelm Grobben, der Pädagoge und Thomaeum-Leiter Dr. Josef Bast und der Publizist Karl Wilhelm Engels nicht durch die Täter-Opfer-Brille betrachtet und eingestuft, sondern als Handelnde in einer problematischen Zeit unter schwierigsten Vorzeichen. Der Autor bricht nicht den Stab über diese Menschen, sondern forscht nach Beweggründen, die ihr Handeln erklärbar machen. Kaiser ordnet das Tun der im Buch dargestellten Schicksale in die Diktatur politischer Zwänge unter dem Hakenkreuz ein, die auch Kempen zwölf Jahre im eisernen Klammergriff hielt. Dazu kommt die Verführung durch scheinbare soziale Errungenschaften wie "Kraft durch Freude" und das Winterhilfswerk. Der Verfasser beschreibt aus zeitlicher Distanz, aber nicht distanziert. Sein Buch ist ein flammendes Plädoyer für Verstehen wollen, mit ruhiger Hand geschrieben und ohne Attitüde von vordergründiger Betroffenheit oder Rechtfertigung.

Als Kempener beschreibt Kaiser die Zustände in seiner Stadt. Die Studie hätte aber ebenso gut in einer anderen deutschen Kleinstadt stattfinden können. Indem der Scheinwerfer jedoch auf die Thomasstadt gerichtet ist, ist ein historisches Werk entstanden, das für den Niederrhein von besonderer Relevanz ist, eine Lücke schließt und zum Standard in der regionalen Geschichtsforschung jener Zeit werden dürfte.

Von besonderem Wert ist das Buch auch wegen des umfangreichen Bildmaterials. Zu diesem bemerkenswerten Fundus haben die Bestände der gebürtigen Kempenerin Hella Furtwängler beigetragen, die heute im Harz lebt. Aber auch Organisationen wie die Kempener Feuerwehr oder der St.Huberter Heimatverein haben bereitwillig ihre Archive für die Kaiser-Arbeit aufgeschlossen und Material zur Verfügung gestellt. Kaiser: "Für diese Unterstützung auf allen Ebenen bedanke ich mich besonders."

Der erste Band der Schriftenreihe, der jetzt herausgekommen ist, beschreibt vorzugsweise die Gleichschaltung der Kempener Vereine, Verbände, Institutionen und das nationalsozialistische Organisationsgeflecht im "Dritten Reich". Breiter Raum wird dem politischen und kirchlichen Widerstand und dessen Verfolgung gewidmet. Am Ende eines jeden Kapitels steht eine Bilanz, die die vorangegangene Darstellung zusammenfasst.

Band zwei, der Ende 2014 herauskommt, hat den Fokus mehr auf die Kriegszeit, enthält aber auch ein Literaturverzeichnis, Listen von deportierten Juden (deren Zahl weitaus größer ist als bislang angenommen), der Gefangenenlager im Kreisgebiet sowie ein Register. "Die Bände sind aber nicht chronologisch angeordnet, sondern sachthematisch", sagt Kaiser.

 



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